Künstliche Befruchtung: Auf alternativem Weg zur Familie?

Nicht immer klappt das mit dem Schwanger werden so einfach. In Deutschland kommen jährlich mehr als 20.000 Kinder infolge einer künstlichen Befruchtung zur Welt. Welche Chancen und Risiken birgt das? In der aktuellen Studie «StART Familie» an der Universität Zürich gehen wir dieser Frage nach und suchen deshalb vierköpfige Familien, die eins ihrer beiden Kinder mithilfe künstlicher Befruchtung und das andere Kind auf natürlichem Weg bekommen haben.

Kann ich überhaupt Kinder bekommen?“ Eine Frage, die ich mir viele Jahre nie gestellt habe. Für mich war klar, ich möchte Kinder – zumindest irgendwann. Der Aufklärungsunterricht in meiner Schulzeit, Serien, Filme und Medienberichte von Teenagerschwangerschaften liessen mich glauben, es wäre ganz einfach. Einmal nicht aufgepasst, direkt schwanger.

Schwanger werden ist ganz einfach – Oder?

Dieses Bild geriet im Laufe meines Psychologiestudiums ins Wanken, als ich mich genauer mit dem weiblichen Zyklus auseinandersetzte. Eine Frau ist pro Zyklus an bis zu 7 Tagen fruchtbar. Werden diese fruchtbaren Tage genutzt, liegt die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, bei etwa 30 %. Die meisten Schwangerschaften treten dann innerhalb von 6 Zyklen auf. Von den Paaren, die schlussendlich schwanger werden, benötigen die wenigsten länger als ein Jahr. „Was ist also, wenn es nach einem Jahr noch nicht geklappt hat?

Bis ich mir diese Frage stellte, verging nochmals etwas Zeit. Erst als ich für die Entwicklung einer biopsychologischen Studie zu künstlicher Befruchtung angefragt wurde, wurde ich mit der Realität konfrontiert. Kinder zu bekommen ist nicht selbstverständlich.

Unfruchtbarkeit ist häufig und folgenschwer

Weltweit ist jede sechste Person von Unfruchtbarkeit betroffen. Davon wir gesprochen, wenn nach einem Jahr regelmässigem, ungeschützten Geschlechtsverkehr keine Schwangerschaft eingetreten ist.

Lässt das Wunschkind auf sich warten, kann dies verschiedenste Lebensbereiche betreffen. So werden die körperliche und psychische Gesundheit der Paare, ihre sozialen Beziehungen und ihre Partnerschaft beeinflusst. Beispielsweise ziehen sich manche Betroffene aus ihrem sozialen Umfeld zurück, da sie nicht (mehr) auf ihre Kinderplanung angesprochen werden wollen.

Häufig sind auch Partnerschaftskonflikt, wenn die Partner unterschiedlich mit der Unfruchtbarkeit umgehen. Beispielsweise ein Partner am Kinderwunsch festhält, während der andere damit abschliesst. Generell berichten viele Betroffene von Stress, Trauer, Angst und Depression.

Hoffnungsschimmer künstliche Befruchtung

Um die Chancen zu erhöhen, trotz der Unfruchtbarkeit Eltern zu werden, wenden immer mehr Paare assistierte Reproduktionstechniken an. Als assistierte Reproduktionstechniken werden medizinische Eingriffe zur Herbeiführung einer Schwangerschaft bezeichnet, bei denen entweder Eizellen oder Embryonen ausserhalb des Körpers behandelt werden. Dazu gehört die In-vitro-Fertilisation (IVF) und die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI).

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Künstliche Befruchtung nach IUI-Methode (nicht Studienrelevant!): Schematische Darstellung

Eine belastende Schwangerschaft

Die Forschung zeigt allerdings, dass auch diese Behandlung sehr belastend sein kann. Beispielsweise durch die mögliche Selbst- und Fremdstigmatisierung, die hohen Kosten, die verschiedenen medizinischen Untersuchungen und Eingriffe sowie die hohe Unsicherheit, da nur ein Teil der Behandlungsversuche erfolgreich ist.

Die Paare durchleben in dieser Zeit ein auf- und ab der Hoffnung und Enttäuschung. Selbst wenn eine Schwangerschaft eingetreten ist, berichten die behandelten Frauen von mehr Stress und Angst als Frauen, die auf natürliche Weise schwanger wurden. Der Umweg zum Familienglück stellt die Betroffenen also vor viele Herausforderungen. Aufgrund dieser Tatsache haben wir uns im Forschungsteam die Frage gestellt: „Wie geht es den Familien nach der Geburt des Kindes?

Familiensituation zu wenig genau erforscht

Die Sichtung der bisherigen Forschung ergab ein beruhigendes Bild. Assistierte Reproduktionstechniken scheinen die Familienmitglieder und das Familienleben nur wenig zu beeinflussen. Beispielsweise zeigen die Eltern eine vergleichbare psychische Gesundheit sowie Partnerschaftsbeziehung. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass der zuvor erlebte Stress durch die lang ersehnte Geburt des Kindes kompensiert wird. Allerdings sind die wenigen bisherigen Studien nicht eindeutig und nur einzelne beziehen sich auf das Kindesalter. Vor allem zu den Vätern wurde bisher wenig geforscht.

Neuer Studienansatz der Universität Zürich

Aufgrund der fehlenden Forschung zum Familienleben nach künstlicher Befruchtung haben wir die Studie «StART Familie» entwickelt. Wir möchten herausfinden, wie es der Familie nach der Geburt des Kindes geht, um die Chancen und Risiken künstlicher Befruchtung besser zu verstehen. Dafür suchen wir vierköpfige Familien, die eins ihrer beiden Kinder mithilfe künstlicher Befruchtung und das andere Kind auf natürliche Weise bekommen haben.

Die Teilnahme erfolgt bequem von zu Hause aus (Deutschland oder Schweiz) und dauert über 2-3 Wochen verteilt insgesamt nur 2-3 Stunden. Die Eltern füllen dabei psychologische Fragebögen aus und die ganze Familie sammelt einmal selbstständig Fingernagel- und Speichelproben.

Nach der 10-minütigen Vorbefragung kann der Studienstart flexibel auch für einen späteren Zeitpunkt abgemacht werden (z. B. nach den Ferien).

Als Dankeschön gibt es ein Geschenkset im Wert von 150 Franken/Euro und eine Zusammenfassung der Studienergebnisse.

Leitet die Informationen auch gerne an Familien weiter, die der Beschreibung entsprechen, damit wir gemeinsam das Wissen zum Familienleben nach künstlicher Befruchtung erweitern können. Vielen Dank für eure Unterstützung!

– Dies ist ein Gastartikel von Julia Jeannine Schmid, Psychologin & Doktorandin M. Sc. an der Universität Zürich.

Wichtige Fragen rund um die künstliche Befruchtung

Welche Methoden der künstlichen Befruchtung gibt es?

Zu den assistierten Reproduktionstechniken zählen die In vitro-Fertilisation (IVF) und die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). Bei der IVF werden die Eizellen mit den aufbereiteten Samenzellen in einem Reagenzglas zusammengebracht. Es findet eine spontane Befruchtung statt. Bei der ICSI wird ein einzelnes Spermium in die vorbereitete Eizelle gespritzt. Eine ICSI wird dann angewendet, wenn die Spermien nicht selbstständig in die Eizelle eindringen können.

Wie läuft eine künstliche Befruchtung ab?

1. Hormonbehandlung der Frau zur Heranreifung der Eizellen.
2. Gewinnung und Aufbereitung von Samenzellen.
3. Operation zur Entnahme der Eizellen.
4. Künstliche Befruchtung außerhalb des weiblichen Körpers.
5. Einsetzen des Embryos/der Embryonen in die Gebärmutter.

Was kostet eine künstliche Befruchtung?

Die Kosten einer attestierten Reproduktion können durchaus schwanken, da sie von der Methode abhängen. So ist bei der intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) mit ca. 1.000 EURO zu rechnen. Die künstliche Befruchtung mittels In-Vitro-Fertilisation (IVF) Methode ist deutlich kostenintensiver. Hier ist mit Kosten von bis zu 5.000 EURO und mehr zu rechnen.

Übernehmen Krankenkassen die Kosten für die künstliche Befruchtung?

In Teilen übernehmen Krankenkassen bei gesetzlichen versicherten Paaren die Kosten. Krankenkassen bezuschussen hierbei eine bestimmte Anzahl an Versuchen der attestierten Reproduktion mit bis zu 100 %. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen 50 Prozent der Kosten für drei IVF/ICSI-Behandlungsdurchgänge. Ist die Behandlung erfolgreich und das Paar wünscht sich ein weiteres Kind, hat es Anspruch auf bis zu drei weitere Behandlungen.

Was sind die Voraussetzungen für die Kostenübernahme einer künstlichen Befruchtung?

Das Paar ist verheiratet.
Verwendung eigener Ei- und Samenzellen.
Die Frau ist zwischen 25 und 40 Jahren und der Mann zwischen 25 und 50 Jahren.
Die Behandlung ist medizinisch notwendig.
Es besteht eine hinreichende Erfolgsaussicht.
Es wurde ein HIV-Test mit negativem Ergebnis durchgeführt.
Beide Partner:innen haben sich zu den medizinischen und psychosozialen Aspekten der Behandlungen beraten lassen.

Sind diese Voraussetzungen nicht erfüllt, ist eine Behandlung für die künstliche Befruchtung je nach dem trotzdem auf eigene Kosten möglich (z. B. unverheiratete Paare; höheres Alter der Mutter etc.).

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