Single mit Kinderwunsch – Wie es ist als Mann ein Pflegekind aufzunehmen

Selten hat mich etwas emotional so berührt, wie die Zeilen in Tobias Wilhelm’s Buch „Sowas wie Dein Papa“. Tobias war Single mit Kinderwunsch und schildert in seinem erzählendem Sachbuch, wie es ist, als Mann ein Pflegekind aufzunehmen und gibt darüber hinaus spannende Einblicke in das Modell Pflegefamilie.

Wir dürfen einige Auszüge aus seinem Buch hier veröffentlichen und freuen uns sehr, unseren Leser:innen dieses Familienmodell näher zu bringen, ein Stück weit mit Vorurteilen zu brechen und aufzuklären.

Inhaltsverzeichnis

Leben mit Pflegekind – Auszug aus Tobias Wilhelm’s Sachbuch

Wie Du vielleicht weißt, wurde ich als Säugling adoptiert, weshalb ich in unserem Elternblog auch Raum für die vielseitigen, wundervollen wie emotionalen Geschichten anderer Papas und Mamas geben möchte.

Eine Geschichte, die all das wiederspiegelt, hat der Pflegevater Tobias Wilhelm in seinem erzählenden Sachbuch festgehalten. Dabei handelt es sich nicht um eine Autobiografie, sondern ein umfangreiches Puzzle von Erfahrungen jeden Blickwinkels in Bezug auf das Familienmodell „Pflegefamilie“.

Pflegekind aufnehmen - Cover Sachbuch Sowas wie Dein Papa von Tobias Wilhelm
„Sowas wie Dein Papa – Leben mit Pflegekind“ von Tobias Wilhelm

Tobias bringt dabei seine Geschichte insofern mit ein, als dass er selber ein männlicher Single mit Kinderwunsch ist, welchen er sich auf natürlichem Wege nicht erfüllen kann und sich deshalb mit dem Thema Pflegekind und -vaterschaft auseinandersetzt. Aus welchen Gründen genau und wie er dann auf die Idee kam, ein Pflegekind aufzunehmen und zum Pflegevater wurde, lest ihr bei „StadtLandMama“.

Pflegekind - Pflegevater Tobias Wilhelm
Tobias Wilhelm, Autor & Pflegevater

Ich bin selbst Pflegevater, doch dieses Buch ist keine Autobiographie. Die geschilderten Begebenheiten wurden mir von anderen Pflegeeltern oder Sozialarbeiter*innen berichtet, der Fachliteratur entnommen, teilweise sind sie mir selbst vertraut. Die Geschichte, die ich erzähle, ist wie ein Puzzle aus verschiedenen Erfahrungswerten zusammengesetzt. Der Antrieb für das Buch ist, eine größere Aufmerksamkeit für dieses Thema und die damit einhergehenden Schicksale zu schaffen.

Wir dürfen den folgenden Auszug veröffentlichen, bei dem es um das Kennenlernen der leiblichen Mutter geht sowie um sein erstes Treffen mit seinem heutigen Pflegekind, Noah.

Aus „Sowas wie Dein Papa“ – Das Kennenlernen

Dieses Mal soll ich als Erstes nicht das Kind – einen zweijährigen Jungen namens Noah –, sondern seine Mutter kennenlernen. Die leiblichen Eltern spielen im Konstrukt Pflegefamilie auch noch eine Rolle, wenn ihr Kind nicht mehr bei ihnen lebt. Meistens in Form von regelmäßigen Besuchskontakten. Viele »Herkunftseltern« behalten sogar das Sorgerecht für ihr Kind und stellen den Pflegeeltern eine Vollmacht für die »Angelegenheiten des täglichen Lebens« aus. Alles, was darüber hinausgeht (z. B. schwerwiegende Operationen, religiöse Belange), kann nur von ihnen entschieden werden.

Um herauszufinden, ob ich mir eine solch langfristige »Zusammenarbeit« mit Noahs Mutter vorstellen kann, treffe ich mich wenige Tage später mit Frau Seydel vor einem Verwaltungsgebäude, in dem sich auch das Jugendamt befindet. Eine junge Frau betritt den Raum. Pink gefärbte Haare, Nasen-Piercing, eingefallene Wangen. »Hallo«, murmelt sie, ohne jemanden anzuschauen, setzt sich dann auf den letzten freien Stuhl.

Nun stellt Frau Müller eine Frage, auf die mich Frau Seydel bereits vorbereitet hat. »Es ist ja etwas ungewöhnlich, dass alleinstehende Männer ein Kind aufnehmen wollen. Können Sie uns vielleicht sagen, was Ihr Beweggrund ist?«

Ich erzähle den drei Frauen meine Geschichte.

»Und können Sie etwas von sich und Noah erzählen?«

Frau Müllers Blick ruht jetzt auf Noahs Mutter. Die junge Frau schluckt. Während sie mit leiser Stimme spricht, starrt sie auf die Tischplatte.

»Ich bin Hanna. Vor zwei Wochen bin ich zwanzig geworden. Nee, vor dreieinhalb jetzt schon.«

Sie stockt, schaut zu Frau Müller.

»Und Noah? Wie würden Sie Noah beschreiben?«

Hanna steigen Tränen in die Augen. Schnell zieht Frau Müller eine Box mit Taschentüchern unter dem Tisch hervor, reicht sie ihr – weinen scheint in diesen Räumlichkeiten Routine zu sein.

»Er ist total lieb irgendwie. Kann noch nicht richtig sprechen, aber sagt immer schon ›bitte‹ und ›danke‹. Und wenn er sich
über was freut, strahlen seine Augen ganz doll.«

Hanna tupft sich vorsichtig die Augen trocken, um ihr Make-up nicht zu verschmieren.

»Er ist auch sehr lustig, macht viel Quatsch. Ich muss immer viel lachen mit ihm.«

»Und warum haben Sie sich dazu entschieden, Noah in eine Pflegefamilie zu geben?«

Mir fällt ein, dass Frau Seydel am Telefon von Vernachlässigung sprach. Es sei auch nicht auszuschließen, dass Noah Gewalt
erlebt habe. Sicher wisse man dies jedoch nicht.

»Na ja, entschieden …« Hanna hebt ihren Blick von der Tischplatte und schaut Frau Müller an. Für einen Sekundenbruchteil flackert Streitlust in ihren Augen auf. »Ich hatte ja keine Wahl, oder?«

Frau Müller bleibt ruhig, geht auf die Provokation nicht ein.

»Was wünschen Sie sich für Noah?«

Hannas Blick wandert wieder tiefer. »Dass es ihm gut geht«, Hanna soll sich in Ruhe überlegen, ob ich Noah kennenlernen darf.

Tobias trifft sein Pflegekind das erste Mal

Zwei Tage später fahre ich zu der Bereitschaftspflegestelle, in der Noah übergangsweise untergebracht ist.
Als ich das Treppenhaus betrete, sitzt Noah dort bereits allein auf einer Eckbank – fast so, als ob er schon die ganze Zeit auf mich gewartet hätte. Der Junge lächelt schüchtern, weicht meinem Blick aber aus. Er ist groß und dünn, seine Haut blass.

»Dann kommen Sie mal rein!« Noahs Kurzzeitpflegemutter Frau Hermann erscheint im Türrahmen und winkt mich hinein.
Als ich näher komme, springt Noah auf, flüchtet sich hinter ihre Beine. Frau Hermann streicht ihm über den Kopf. »Schon gut
Kleener, der Mann tut dir nix – das ist ein ganz lieber!« Die Bereitschaftspflegemutter wendet sich an mich, spricht mit
gedämpfter Stimme weiter: »Er hat erst mal Angst vor Männern. Geben Sie ihm ein paar Minuten, ja?«

Die Wohnung von Frau Hermann ist mit Lernspielzeug, Duplo-Steinen, Ikea-Möbeln und eingerahmten Fotografien vollgestopft.
Auf dem Sofa gluckst ein winziges Baby. Am Esstisch sitzt ein vielleicht siebenjähriger Junge im Rollstuhl, der seine Hausaufgaben erledigt. Als ich am Telefon mit Frau Hermann sprach, hatte ich sie aufgrund ihrer rauen Stimme auf fünfzig oder sechzig geschätzt. In Wahrheit ist sie höchstens zehn Jahre älter als ich. Sie scheint allerdings viel zu rauchen, wenn ich den randvollen Aschenbecher draußen auf der Terrasse richtig interpretiere. Nebenbei hebt Frau Hermann dem Jungen einen Stift auf, wischt dem Baby den Mund ab.

»Noah, hol doch mal dein Polizeiauto, ja? Los, spielen Sie mal mit ihm. Ich kann nämlich nicht lange jetzt. Das Baby muss in einer Stunde zum Umgang.«

Ich setze mich zu Noah auf den Teppichboden. Misstrauisch mustert er mich, hält einen guten Meter Abstand. Schließlich steht er auf, zieht ein Plastikpferd aus einer Schublade, hält es unentschlossen in meine Richtung. Ich nehme das Pferd, betrachte es genau. »Das ist aber ein tolles Pferd. Ob das auch reiten kann?« Noah kommt etwas näher. Er streckt seine kurzen Arme aus und ich gebe ihm das Pferd zurück. Lächelnd lässt er es über den Teppich galoppieren, schaut mich dabei abwartend an.
»Super, ein richtiges Rennpferd!«

Pflegekind aufnehmen - Pflegevater Tobias Wilhelm mit seinem Pflegekind in Wohnzimmer
Pflegevater Tobias mit seinem Pflegekind

Noahs zurückhaltende Art ist mir sympathisch. Gleichzeitig frage ich mich, ob er Angst vor mir hat und woher diese Angst
kommen könnte. Wenn ich mich abrupt bewege, zuckt er zusammen, wirkt in Alarmbereitschaft. Wurde ihm Gewalt angetan? Je länger das Treffen dauert, desto wagemutiger wird der Junge. Beim Vorlesen rückt er so nah an mich heran, dass sich unsere Beine berühren. Als wir aufgeschnittenes Obst essen, möchte er in der Küche unbedingt neben mir sitzen.

»Nehmen Sie ihn?«, fragt Frau Hermann, bevor sie mich nach knapp vierzig Minuten zur Tür hinausschiebt. Frau Seydel hatte
mich schon vorgewarnt, dass die Bereitschaftspflegemutter immer gleich Nägel mit Köpfen machen will.

»Ich denke darüber nach und melde mich bei Frau Seydel.« Frau Hermann rollt mit den Augen, verabschiedet mich dann
aber doch noch herzlich. Noah sitzt erschöpft auf ihrem Arm, winkt mir mit müden Augen hinterher. Ich bin schon fast beim
Auto angelangt, als sich ein Fenster im Erdgeschoss öffnet. »Überlegen Sie nicht zu lange«, ruft mir die resolute Berlinerin
hinterher. »Der Junge braucht ein richtiges Zuhause!«

Daheim angekommen, ist der Blick auf meine Wohnung ein anderer geworden. Wie viele Steckdosen müsste man eigentlich sichern, wenn hier wirklich ein Kleinkind einziehen sollte? Könnte mein Plattenspieler auf der Kommode stehen bleiben, oder müsste ich ihn außer Griffhöhe schaffen? Und würde überhaupt einer dieser sperrigen Tripp-Trapp-Stühle in meine winzige Küche passen?

Auf der Fahrt zurück nach Moabit habe ich noch keine Entscheidung getroffen. Aber gedanklich eine kurze Liste mit Argumenten erstellt, die für beziehungsweise gegen eine Aufnahme von Noah sprechen. Mein Handy vibriert. »Und, wie war das Treffen mit dem Kleinen?«, schreibt meine Mutter. »Holst du ihn zu dir?« Meine Antwort besteht aus zwei Buchstaben und einem Sonderzeichen: »Ja!«

Pflegekind - Pflegevater Tobias Wilhelm
Tobias Wilhelm, Autor & Pflegevater

Nicht zuletzt wünsche ich mir, dass Pflegefamilien in künftigen Diskursen über diverse Familienmodelle eine größere Rolle spielen. Und dass mehr wertgeschätzt wird, was sie leisten. Nur so kann es dringend nötige Reformen
geben, die dieses Modell für mehr Menschen mit Kinderwunsch oder einem freien Zimmer im Haus attraktiv machen.

„Sowas wie Dein Papa – Leben mit Pflegekind“ von Tobias Wilhelm ist im hanserblau Verlag erschienen und unter anderem bei Amazon* erhältlich:

LG, Richard.

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