Adoptiert – Meine Geschichte ohne leibliche Eltern

Wir alle haben unsere eigene Geschichte. Dies ist meine und einer der Gründe für unser Elternblog „Papammunity“ aus der Papa-Perspektive sowie meine aktive Vaterschaft. Selbst kurz nach der Geburt adoptiert, teile ich meine Erfahrungen dazu und wie es ist, ohne leibliche Eltern aufzuwachsen.

Inhaltsverzeichnis

Adoptiert – Unsere Geschichte beginnt mit einem Mix aus Tragik, Stärke und Fürsorge

Unsere? Genau, denn im Grunde ist mein drei Jahre älterer Bruder ein wesentlicher Teil davon, blicken wir auf den Anfang zurück.

16 Jahre jung ist unsere leibliche Mutter, als sie meinen Bruder gebärt. Die genauen Hintergründe kennen wir natürlich nicht, aber es lässt sich leicht nachvollziehen, das die Gegebenheiten in dem Alter höchstwahrscheinlich nicht die Besten waren, um ein Kind großzuziehen.

Adoptiert - Schwangere Frau hält Ultraschallbild in Hand

Gleichzeitig empfinde ich es als bewundernswert, dass sie sich für die Schwangerschaft entschieden hat. Egal aus welchen Beweggründen, zeugt diese Entscheidung auch von Stärke und Fürsorge; wohlwissend, das eigene Baby nach der Geburt zur Adoption freizugeben und damit in die Hände einer anderen Frau.

19 Jahre jung ist unsere leibliche Mutter, als sie erneut schwanger wird. Dieses Mal mit einem anderen Partner. Und auch dieses Mal entscheidet sie sich für das Leben. Für mein Leben. Und dabei hat sie irgendwann eine konkrete Idee, einen Herzenswunsch entwickelt, dass mein bereits adoptierter Bruder und ich als Geschwister gemeinsam aufwachsen sollen.

Ein Wunsch, den unsere Eltern kurzerhand erfüllen, nachdem sie kurz vor meiner Geburt informiert und mit diesem Wunsch konfrontiert wurden. Es war ihnen möglich, sie mussten nicht lange überlegen und waren kurz darauf Eltern von zwei Jungs.

Wie erlebe ich meine Adoption seitdem ich davon erfahren habe?

Wir hatten eine Bilderbuchkindheit, wie man so schön sagt. Unsere Eltern haben uns alles ermöglicht, Liebe und Geborgenheit gegeben, waren und sind immer für uns da. So hat für mich auch nie ein anderes Gefühl existiert, ein Gefühl von Fremde z. B.

Adoptiert - 2 Brüder vor Oldtimer

Erst als wir im Laufe unserer Kindheit erfahren haben, adoptiert zu sein, setzte ich mich mit dem Gedanken auseinander. Allerdings nicht wirklich tiefgründig, dafür ist eine Adoption kurz nach der Geburt einfach zu weit weg. Ich habe keine Erinnerungen, lediglich im Unterbewusstsein, die auch Teil meiner Persönlichkeit sind, wie ich später noch herausfinden sollte.

Und auch in den folgenden Jahren als Teenager und junger Erwachsener ist die Tatsache, meine leiblichen Eltern nicht zu kennen – vielleicht niemals kennenzulernen – wenig präsent in meinem Kopf. Es sind bloß Gedanken, die kommen und gehen. Und diese Gedanken reifen auch nie zu dem Wunsch heran, sich auf den Weg zu machen, um unsere leibliche Mutter kennenzulernen. Zu distanziert fühlt es sich an, nicht zuletzt auch, weil wir unterschiedliche Väter haben, die wir wohl nie kennenlernen.

Erst viel später, im Zuge der Schwangerschaft meiner Frau und dem nahenden Vatersein, gewinnt diese Thematik allerdings immer mehr an Bedeutung für mich. Es fühlt sich an, als durchlebe ich meine eigenen ersten Tage auf der Welt. Alleine, nach der Geburt, auf der Säuglingsstation. Alleine, ohne viel Wärme, Liebe und Geborgenheit, bis zum Moment der Adoption.

Adoptiert - Säugling auf Entbindungsstation
Adoptiert – ein einsamer Start ins Leben

Wie beeinflusst das adoptiert sein mein Vatersein?

Seither setze ich mich mit dem adoptiert sein mehr auseinander. Ich spüre eine starke Verbundenheit zu meinem Sohn, zu meiner Vaterrolle. Ich suche nach aktiver Vaterschaft, wohl auch, weil das Unterbewusstsein seither stärkere Signale sendet.

Die Reise der Schwangerschaft sowie die Entbindung so nah und intensiv erfahren zu dürfen, geben mir die Möglichkeit, über meinen eigenen Start in das Leben zu reflektieren. Mit ist bewusst, welch enge Bindung sich bereits während der Schwangerschaft aufbaut – sowohl zwischen Mutter und Kind, als auch zwischen Vater und Kind!

Seither stelle ich mir oft die Frage, wie es für eine junge Mutter sein muss, diese Bindung loszulassen. Ich glaube nun zu verstehen, woher meine Verlustängste kommen. Denn auch wenn ich mich nicht an die ersten Tage erinnern kann, so sind sie doch ein Teil von mir. So viel erstaunliches passiert, wenn ein Leben entsteht, dass eben auch traumatisches daraus entstehen kann. Ein Teil des Rucksacks, den wir alle im Leben tragen. Vollgepackt mit schönem sowie weniger schönem.

Vielleicht war es Zufall, dass unser Sohn aus gesundheitlichen Gründen per Kaiserschnitt zur Welt gekommen ist. Es gab mir die einzigartige Möglichkeit, die ersten Minuten mit ihm ganz nah und vertraut zu verbringen. Auch dies empfinde ich als so wichtigen Teil in der Eltern-Kind-Bindung, der maßgeblichen Einfluss auf ein Lebewesen hat. Ein Säugling sucht und spürt die Nähe seiner Eltern. Fehlt dies, bleibt dort für immer eine Lücke.

Dies meinem Sohn geben zu können, bereits während der Schwangerschaft, so kurz nach der Geburt und jetzt, jeden Tag aufs Neue, lässt auch meine Lücke kleiner werden.

Adoptiert – meine Geschichte für den Erfahrungsaustausch

Wieso teile ich diese privaten Zeilen mit Dir? Meine Emotionen des Vaterseins und einen Teil meiner Familiengeschichte? Weil ich weiß, es gibt viele Gleichgesinnte, die ähnliches erlebt haben und sich darüber austauschen möchten. Dies ermögliche ich mit meiner Geschichte und gehe den ersten Schritt.

Teile Deine Erfahrungen, Gedanken und Emotionen gerne mit mir. Die Kommunikation eröffnet neue Denkweisen und den Umgang mit einem solch sensiblen Thema. Ich freue mich sehr auf Deinen Kommentar!

LG, Richard.

2 Gedanken zu „Adoptiert – Meine Geschichte ohne leibliche Eltern“

  1. Was für eine berührende Geschichte! Meine vier jüngeren, noch minderjährigen Geschwister sind auch adoptiert, mit ähnlichen Geschichten wie deine. Die Erfahrungen von dir und deinem Bruder zu lesen, gibt mir eine extra Portion Zuversicht für die Zukunft. Danke fürs Teilen!

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